Die Schweizer Armee verfügt heute über drei verschiedene bodengestütze Systeme zur Luftverteidigung

  • Rapier
  • 35 mm Fliegerabwehrkanone
  • Stinger
  • Ersatzbedarf

 

Systeme für den Objektschutz Objektschutz

Beim Objektschutz auf kurze Distan­zen gelangen die 35mm-Fliegerabwehrkanonen 63/90 mit dem Feuerleitgerät 75/95 zum Einsatz, von denen heute noch 24 Feuereinheiten vorhanden sind. Aktuell ist eine Mitt­lere Fliegerabwehrabteilung bestehend aus acht Feuereinheiten mit dem sogenann­ten Mittelkaliber-Fliegerabwehrsystem-Sensorverbund ausgerüstet. Dabei werden die Feuerleitgeräte mit einem zentralen Feuerführungssystem vernetzt, um rasch wirken und den Einsatz der Fliegerabwehr verhältnismässig führen zu können. Dies erlaubt es, das System auch in der Wahrung der Lufthoheit (z. B. Objektschutz auf kurze Einsatz­distanzen in gesperrten Lufträumen bei Konferenzschutzaufgaben) einzusetzen. Seit 2011 werden bei Grossanlässen mit eingeschränktem Luftverkehr (WEF in Davos, OSZE-Konferenz in Basel, Gotthard-Basis­tunnel-Eröffnung in Erstfeld und Pollegio) Feuereinheiten des Mittelkaliber-Sensorverbunds als «Mittel der letzten Meile» eingesetzt.

Mit dem zusätzlichen Rüstungsprogramm 2015 wurde die Vernetzung der restlichen zwei mittleren Fliegerabwehrabteilungen bewilligt. Durch Werterhaltungsmassnahmen an Feuerleitgeräten (Radar) und Geschützen (Kanonen) wird die Nutzungsdauer um min­destens zehn Jahre bis 2025 verlängert.

Systeme für den Raumschutz im unteren Luftraum

Neben den Mittelkaliber-Fliegerabwehrkanonen verfügt die Armee für den Raum­schutz im unteren Luftraum aktuell über zwei Lenkwaffensysteme: Die ab 1984 eingeführten mobilen Fliegerabwehrlenkwaffen Rapier mit einer Einsatzdis­tanz von rund 7 km und die mit dem Rüstungsprogramm 1989 beschafften schulter­gestützten Leichten Fliegerabwehrlenkwaffen Stinger mit einer Reichweite von rund 4 km. Aufgrund der fehlenden Vernetzung werden diese beiden Systeme autonom eingesetzt. Weder existiert für die Rapier- und Stinger-Feuereinheiten ein fusioniertes Lagebild noch kann eine koordinierte Frühwarnung erfolgen. Zwar verfügen die mit Stinger ausgerüsteten Fliegerabwehrabteilungen mit dem Alarmierungssystem Stin­ger über ein taugliches Frühwarnsystem, mit dem für mehrere Standorte ein Luftlage­bild erzeugt werden kann, doch lässt sich dieses nicht fusionieren. Die Feuereinheiten werden über Funk alarmiert. In der Rapier-Feuereinheit entscheidet ein Unteroffizier über den Waffeneinsatz und das zu bekämpfende Flugobjekt, in der Stinger-Feuerein­heit sogar ein Soldat.

Weil die dazu erforderlichen technischen Fähigkeiten fehlen, lassen sich Lenkwaffen, Marschflugkörper und ballistische Lenkwaffen mit den drei Fliegerabwehrsystemen nicht in ausreichender Qualität erfassen und infolgedessen auch nicht wirksam be­kämpfen. Ihre weitreichenden Waffen setzen gegnerische Kampfflugzeuge in der Re­gel ausserhalb der Reichweite der drei Systeme ein. Die beschränkte Reichweite zur Abwehr von Kampfflugzeugen und die fehlende Fähigkeit zur Bekämpfung von Munition bedeuten, dass sich die drei Systeme in einem bewaffneten Konflikt de facto nur noch zur Bekämpfung von Kampfhelikoptern mit Aussicht auf Er­folg einsetzen lassen. Die meisten Bedrohungen aus der Luft dagegen können mit der heute vorhandenen Fliegerabwehr nicht wirksam abgewehrt werden.

Rapier wird das Nutzungsende voraussichtlich im Verlauf der ersten Hälfte der 2020er Jahre erreichen, Stinger und das Alarmierungssystem Stinger 2025.

Ersatzbedarf

Gemäss Bericht der Expertengruppe «Neues Kampfflugzeug» des Eidg. Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport vom Mai 2017 eignen sich die in der Schweizer Armee vorhandenen Lenkwaffen-Fliegerabwehrmittel bereits heute nicht mehr, um die ihnen zugedachten Aufgaben insbesondere bei Schutz von Räumen und beim Objektschutz ausserhalb von Sicherungseinsätzen vollständig zu erfüllen. Der Grund dafür ist ihre fehlende Vernetzung mit einem zentralen Luftlagebild, die ausschliessliche Wirkung auf sehr kur­ze Reichweiten, die fehlende Wirksamkeit gegen Marschflugkörper und weitere Mu­nitionstypen und das technische Nutzungsende im Verlauf der ersten Hälfte bzw. Mit­te der 2020er Jahre.

Bei der Mittelkaliber Kanonenfliegerabwehr (35 mm) wurde eine Nutzungsverlängerung bis 2025 beschlossen und ist aktuell in Umsetzung. Dabei werden auch der so genannte Mittlere Fliegerabwehrsensorverbund durch Umrüstung der noch nicht vernetzen Feuereinheiten erweitert. Damit bleibt der Objektschutz gegen langsam fliegende Ziele, insbesondere im Rahmen ei­nes Konferenzschutzes, bis Mitte der 2020er Jahre möglich. Um einen Weiterbetrieb über das Jahr 2025 hinaus sicherzustellen, müssen in der ersten Hälfte der 2020er Jah­re weitere nutzungsdauerverlängernde Massnahmen ergriffen werden. Dadurch können die Voraussetzungen geschaffen werden, dass die Fähigkeit zum Objektschutz im Rahmen der Wahrung der Lufthoheit bis zur Einführung eines neuen Systems klei­nerer Reichweite erhalten bleibt. Die Wirkung der Mittelkaliber Flab ist nach wie vor auf 3 km beschränkt und die Wirkung auf moderne Waffen (Marschflugkörper, Mörser, Artilleriegeschosse, gelenkte Bomben) sehr eingeschränkt. Eine Kampfwertsteigerung des Systems mit dem Ziel, die Mittelkalibrige Fliegerabwehr auch gegen solche Ziele zu befähigen, ist nicht vorgesehen.

Über Fähigkeiten zur bodengestützten Luftverteidigung auf grosse und mittlere Dis­tanzen und in grossen Höhen sowie zur Bekämpfung von Munition, insbesondere von Lenkwaffen und Marschflugkörpern, verfügte die Schweizer Armee bislang nicht. Insgesamt genügen die aktuell vorhandenen Fliegerabwehrmittel zeitgemässen Bedro­hungen nur noch beschränkt. Ohne Neubeschaffungen wird die Armee ab Mitte der 2020er Jahre über keinerlei Fähigkeiten verfügen, um Räume und Objekte ergänzend zur Luftverteidigung mit Kampfflugzeugen mit hoher Permanenz gegen Plattformen und Munitionstypen zu schützen.

Die Schweiz verfügt über kein System zur Abwehr ballistischer Interkontinentalraketen. Die Beschaffung solch eines Systems ist auch mit dem neu lancierten BOLDUV-Beschaffungsprojekt (AIR 2030) nicht geplant. Eine alleinige Beschaffung würde die Mittel und Möglichkeiten der Schweiz auch übersteigen.